Elul

02.10.2011                      04.Tischrei. 5772                      Fasten Gedaliah

Judentum:

Elul

Der vorliegende Text aus der Feder von Schmarjahu Gorelik, ein aus der Ukraine stammender jiddischer Autor und Zionist, der 1933 nach Palästina ging, wurde in “Ost und West” veröffentlicht. Die Zeitschrift, die sich als “Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum” verstand, stellte im Kontext der “Jüdischen Renaissance” dem westjüdischen Publikum die kulturellen Leistungen der sog. “Ostjuden” vor.

Oft, oft will es mir scheinen, dass die Seelen der Menschen schon an den Geburtstagen auseinandergehen, auseinanderfliegen: die einen dahin, wo der Frühling herrscht in seiner ganzen Pracht, um im Reiche der Blumen zu singen und zu jubilieren; die anderen dem Herbste entgegen, mit seiner Schwermut, seinen gelben Blätterhaufen, mit seiner tiefen, ach so tiefen Poesie des Wolkenhimmels, der kalten, traurigen Winde, der goldblättrigen Bäume dort im grossen dichten Walde, nicht weit von der Landstrasse.
Und sie werden niemals zusammenkommen können, die beiden fremden Seelen: die den Frühling ersehnt und, die nach dem Herbste bangt. Das ist schon so ihr Schicksal. Es gibt Menschen, die nur in den frohen Frühlings- und Sommermonaten sich wohl fühlen. Nur um diese Zeit können sie denken und empfinden, liegt etwas in ihnen, offenbaren sie das Beste und Edelste ihres Wesens. Und dann gibt’s wieder Leute und wird’s immer geben, die gerade an den düstern Wolkentagen aufblühen. Sie lieben den trockenen Herbst, wenn die Bäume flüstern und ihre wunderbaren Geheimnisse erzählen, wenn die ganze Natur wie von einem Gefühle der Verantwortung durchdrungen, alles so tief ernst und voll verhaltener Traurigkeit ist….