Gibt es Verständnis für Israels Angiffspläne?

eingestellt am: 28.03.2012                      05.Nissan. 5772

Pro und Kontra:

Gibt es Verständnis für Israels Angriffspläne?

Seit langem bedroht die Islamische Republik Iran den jüdischen Staat Israel.Viele Experten vermuten, dass der Iran an der Entwicklung einer Atombombe arbeitet. Daher steht ein präventiver Militärschlag Israels zur Debatte. Dazu ein Pro & Kontra.

Warum hat die westliche Welt den Iran nicht früher in die Schranken verwiesen?

Reinhold Robbe (SPD, Berlin) ist Präsident der Deutsch.Israelischen Gesellschaft, in der sich Freunde Israels in überparteilicher Zusammenabeit zusammenfinden. Er war 2005 – 2010 Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages.

Pro: Weil es sich bei diesem Thema im wahrsten Sinne um ein politisch „vermintes Feld“ handelt, sei vorweg darauf hingewiesen, dass ein Militärschlag Israels gegen den Iran eine Kettenreaktion mit unabsehbaren Folgen für die Menschen im Nahen Osten und in Europa auslösen könnte. Und solange es auch nur den Hauch einer Chance für eine politische Lösung dieses Problems gibt, ist ein Militärschlag auf gar keinen Fall zu verantworten. Soviel vorweg.

Und trotzdem habe ich – ebenso wie viele Freunde Israels in der Welt – Verständnis für die Tatsache, dass in der israelischen Regierung die Zerstörung der iranischen Atomanlagen mit militärischen Mitteln nicht mehr ausgeschlossen wird. Eigentlich müsste die Frage doch ganz anders lauten: Eigentlich müsste gefragt werden, ob man Verständnis für die Haltung der europäischen Staaten aufbringen soll, die sich offensichtlich nicht bedroht fühlen, obwohl die iranischen Trägerraketen nicht nur Tel Aviv, sondern ebenso Paris, London und Berlin treffen können.

Auch müsste gefragt werden, weshalb die freie westliche Welt nicht wesentlich früher in einer überzeugenden konzertierten Aktion den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in die Schranken gewiesen hat. Die Menschen in Israel befinden sich bekanntlich seit der Staatsgründung in einem permanenten Ausnahmezustand. Krieg und Frieden werden in Israel ganz anders buchstabiert als in Mitteleuropa. Ahmadinedschad hat erst vor wenigen Tagen im ZDF den Holocaust und das Existenzrecht Israels bestritten. Und es vergeht kein Tag ohne Drohgebärden dieses furchtbaren Despoten. Wer will es den Israelis verdenken, wenn sie über einen Angriff auf die Atomfabriken nachdenken, weil alle Warnungen bisher in den Wind geschlagen wurden?

Israel hat die Atombombe längst – mit welchem Recht kann es sie dem Iran verbieten ?

Dr. Rolf Verleger, Psychologieprofessor an der Universität Lübeck, gehörte dem Zentralrat der Juden in Deutschland an, den er 2009 wegen israelkritischen Äußerungen verlassen musste. Sein Vater überlebte das KZ Ausschwitz.

Kontra: „Was dir verhasst ist, tu deinem Nächsten nicht an! Das ist die ganze Torah, der Rest ist Erläuterung“, lehrte der große Rabbiner Hillel (ca. 30 v. bis 9 n. Chr.). Wenden wir dies an: Irans Präsident Achmadinedschad fordert, das zionistische Regime Israel solle von der Landkarte verschwinden. Das ist nicht freundlich. Aber Israel fordert schon seit langem einen „Regimewechsel“ im Iran. Tut es damit dem Iran nicht genau das an, was ihm selbst verhasst ist? Ebenso: Iran möchte vielleicht die Atombombe. Aber Israel hat sie längst schon selbst. Mit welchem Recht kann es sie dem Iran verbieten? Sowohl die USA als auch Israel vertreten hier kurzsichtig ihre Interessen, und die EU spielt leider mit. Die USA wollen im ölreichen Nahen Osten nur wohlgesonnene Regimes – und sie möchten den Fehler wettmachen, dass sie mit ihrem Irak-Krieg dem Iran mehr Einfluss verschafften. Aber was ist am Iran schlechter als an Pakistan oder Saudi-Arabien? Hat der Iran kein Recht auf ökonomische und politische Entfaltung?

Achmadinedschads Rechtfertigung für seine verbalen Ausfälle ist die schwärende Wunde des Unrechts Israels: 1948 Vertreibung der Palästinenser, ihre Enteignung und gewaltsame Verhinderung ihrer Rückkehr, heute ihre Diskriminierung in Israel, ihre Rechtlosigkeit in der Westbank, ihre Einkerkerung in Gaza. Israel möchte von diesem Unrecht nicht reden und setzt sich stattdessen als Opfer einer hypothetischen künftigen iranischen Atombombe in Szene. Ist dieser Themenwechsel nicht sehr willkommen? „Du sollst nicht morden“, wurde uns geboten. Denn Gewalt ist niemals eine Lösung. Wenn man den israelischen Rechtsnationalisten zuhört, könnte man meinen, die Bösen seien immer die anderen. Ist es aber nicht vielmehr unsere Aufgabe, unseren eigenen Anteil zu erkennen und zu ändern?