Die Geografie der Gewalt

27.10.2011                      29.Tischrei. 5772

NS-Geschichte:

Die Geografie der Gewalt

Der Yale-Historiker Timothy Snyder kartografiert die Geschichte Europas zwischen Hitler und Stalin neu. Seine Geschichte der „Bloodlands“ beginnt nicht mit dem Holocaust, sondern mit den sowjetischen Hungersnöten 1932.

Für den Mord an den europäischen Juden hat sich seit den 1990er-Jahren die Chiffre „Auschwitz“ durchgesetzt. Mehr als die Hälfte der etwa 5,4 Millionen ermordeten Juden starb allerdings außerhalb solch industriell organisierter Todesfabriken. Auschwitz war zwar der Höhepunkt des Judenmordes, doch bis zur Inbetriebnahme der Vernichtungslager waren die meisten sowjetischen und polnischen Juden unter deutscher Herrschaft bereits tot. In den Gaskammern starben dann vor allem Juden, die aus West- und Südeuropa dorthin deportiert worden waren.

Über die Hälfte der ermordeten Juden wurde also durch deutsche Handarbeit und östlich der Molotow-Ribbentrop-Linie, jener gedachten Grenze, die das deutsche und das russische Imperium nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 trennte, in einem Gebiet, das sich von den baltischen Staaten über Weißrussland und die Ukraine bis einem Streifen in Westrussland erstreckte, ermordet. Zusammen mit den polnischen Gebieten nennt der Historiker Timothy Snyder diese Region „Bloodlands“. Und er betont: Nicht nur Juden starben hier, auch Weißrussen, Ukrainer, Polen, Russen und Balten, eben die Bewohner dieser Länder. Die meisten waren Frauen, Kinder, Alte, also Zivilisten und damit Opfer einer mörderischen Politik Stalins oder Hitlers. Snyder errechnet 14 Millionen Menschen, die in Europa durch das NS- oder das Sowjetregime ermordet wurden….