„Die Leute in Israel ahnen, dass es um mehr geht als um Wohnungs- oder Frischkäsepreise“

15.08.2011                      15.Aw-Elul, 5771                       TuBeAw

Interview:

„Die Leute in Israel ahnen, dass es um mehr geht als um Wohnungs- oder Frischkäsepreise“

MOSHE ZUCKERMANN im Interview mit Helge Buttkereit über die Proteste des Mittelstands in Israel, deren Grenzen und die Bedingungen zu ihrer Überwindung .

HINTERGRUND: Von außen aber auch von innen, so scheint es, wird das zionistische Israel als monolithischer, homogener Block wahrgenommen, der sich vor allem über den Konflikt mit den Palästinensern definiert und der über die besondere Rolle der Armee als einigender Faktor zusammengehalten wird. Dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist, zeigt sich jetzt mit den Protesten besonders deutlich, denn sie erscheinen als quasi typische Proteste gegen den Neoliberalismus. Inwieweit zeugen sie davon, dass Israel zunächst einmal eine Klassengesellschaft ist?
Moshe Zuckermann: Das sind zwei verschiedene Sachen, von denen Sie reden. Nach außen hin erscheint Israel in der Tat als homogener, zionistischer Block. Das ist weiterhin auch wahr. Aber ich habe in den 1990er Jahren schon von einer zutiefst zerrissenen Gesellschaft gesprochen. Israel war nach innen nie homogen. Israel hat ethnische Konflikte, die Konflikte zwischen religiösen und säkularen Kräften, Klassenkonflikte, die Konflikte zwischen Alteingesessenen und Neueinwanderern, die Konflikte vor allem zwischen Juden und Arabern innerhalb Israels. Die waren strukturell von Anbeginn da und existierten immer weiter. In der Auslandspresse wird der Nahostkonflikt prominent wahrgenommen und in diesem stellt sich das zionistische Israel als homogen dar gegenüber Palästina oder gegenüber den arabischen Nachbarstaaten….