Erinnerung an ein Schmerzenswerk

19.11.2011                      22.Cheschwan. 5772                      Chaje Sarah

Kolumne von Ralph Giordano:

Erinnerung an ein Schmerzenswerk

Bücher haben ihre Schicksale", so heißt ein Sprichwort. Das gilt für mehrere meiner Bücher, besonders aber für eines, das den irreführenden Titel "Die Partei hat immer recht" trägt und mein Leben um und um gekrempelt hat. Hier seine Geschichte, in gebotener Kürze, aber aus der Tiefe meiner Biografie. In ihrem Fokus: Zugehörigkeit.

Die war für mich, Jahrgang 1923, zunächst so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Da oben in Hamburgs Norden, eingesponnen in den Kokon der Familie, vertrauter Nachbarschaft und heiß geliebter Spielgefährten. Ein Elysium, das nach zehn Jahren zertrümmert wurde, Schlag auf Schlag. 1933: erster Schultag auf dem Hamburger Johanneum, "Hie Arier, hie Nichtarier!" Sommer 1934: "Ralle, mit dir spielen wir nicht mehr, du bist Jude." So mein bis dahin bester Freund Heinemann. September 1935: die dumpfe Lektüre der sogenannten Nürnberger Rassengesetze, Kodex einer neuen Zeitrechnung für Deutschlands Juden, also auch für die jüdische Mutter. 1938, 10. November: der Tag nach der Reichspogromnacht – unter meinen Sohlen in der Hamburger Innenstadt die knirschenden Glassplitter der eingeschlagenen Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte. 1939: erstes "Verhör" auf der Gestapo, Leitstelle Hamburg, staatsfeindlicher Äußerungen wegen, "die das Miststück deiner jüdischen Mamme dir eingegeben hat". 1941: erste Kenntnis vom Massenmord an Juden im Osten Europas – die Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttod wird das zentrale Lebensgefühl. 1944, August: zweites "Verhör" – Prügelorgien. 1945, Februar: der Deportationsbefehl für die Mutter und Flucht in ein rattenverseuchtes Versteck. 4. Mai: Befreiung durch die britische Armee, kurz vor dem Hungertod….