Inge Deutschkrons Gedenkrede im Bundestag

01.02.2013                      21.Schwat. 5773

30.Januar 1933:

Inge Deutschkrons Gedenkrede im Bundestag

Verehrte Damen und Herrn,

Dicht an dicht, so standen sie am Straßenrand in jener Nacht des 30. Januar 1933. Männer und Frauen, Junge und Alte. Und sie grüßten die vielen Hunderte, die in ihren khakifarbenen Uniformen mit dröhnendem Marschtritt durch das Brandenburger Tor in die Stadt einmarschierten – brennende Fackeln in ihren Händen. Die Massen am Straßenrand rissen ihre Arme hoch dem Himmel entgegen und schrien ihre Begeisterung hinaus über die Machtergreifung, wie die neuen Herren des Deutschen Reiches ihren auf demokratische Weise errungenen Wahlsieg bezeichneten. Und die marschierenden Kolonnen sangen ihre Lieder dazu: “Wenn´s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht´s noch mal so gut”, war eines davon. War's nur ein Lied oder symbolischer Ausdruck ihrer Politik?

“Mein Kind, Du bist Jüdin.” Meine Mutter setzte sich zu mir, wie so oft, wenn sie mir etwas Wichtiges mitteilen wollte. Es war wenige Tage, nachdem die NSDAP die Macht in Deutschland übernommen hatte. “Du gehörst nun zu einer Minderheit”, sagte sie mit fester Stimme. “Du musst den andern in Deiner Klasse zeigen, dass Du deshalb nicht geringer bist als sie.” Sie wisse natürlich, dass ich das auch tun würde. Energischer werdend fügte sie hinzu: “Lass Dir nichts gefallen, wenn Dich jemand angreifen will. Wehr Dich!” Ein Satz, der mein ganzes Leben bestimmen sollte….