Rede auf dem XII. Zionistenkongress in Karlsbad (2. September 1921)

02.09.2011                      03.Elul, 5771

Vor 90 Jahren:

Rede auf dem XII. Zionistenkongress in Karlsbad (2. September 1921)

Die schwere Stunde der Erkenntnis, der Selbsterkenntnis, hat zu schlagen begonnen, und ihren Pendelschlag kann nichts mehr aufhalten. Darum ziemt es sich jetzt nicht mehr, Kritik an Personen zu üben, und es genügt nicht, Kritik zu üben an Zuständen, an Institutionen und an Aktionen. Es gilt Kritik zu üben an dem Innersten des Zionismus, an dem Innersten des gegenwärtigen Zionismus, an seinem Verhältnis zur Idee. Und wenn ich dies das Innerste und Wesentlichste nenne, so weiß ich mich eins mit dem Geiste des Mannes, der diesen Kongreß geschaffen hat und zu dessen Füßen ich einst gesessen habe, auch dann, wenn ich gegen ihn stritt.

"Im Anfang war die Idee." Das bedeutet aber nur, daß sie von Anfang an unseren Willen und unser Tun getragen hat. Das bedeutet nicht, daß sie klar und reif schon in uns gelebt hat. Sie ist erst mit der Zeit immer klarer, immer reifer, bewußter, größer in uns geworden. Die Idee, die uns getragen hat, die Idee der Wiedergeburt – zu klein hatten wir sie gefaßt, als wir von Renaissance sprachen. Zu klein, als wir meinten, es sei nur ein nationaler Begriff, zu klein, als wir meinten, es sei nur eine historische Kategorie. Gemeint ist in Wahrheit der große religiöse Begriff der Wiedergeburt, der zweiten Geburt mitten im Leben eines Lebewesens, mitten im Leben des einzelnen Menschen, das, was jede Religion als das Innerste des Zusammenhangs des Menschen mit dem Absoluten fühlt und was die jüdische Religion unter den Begriff der Teschuwa gefaßt hat….