Rückkehr der Idealisten

04.06.2011                      2.Siwan, 5771                      Nasso; Tag 46 des Omer

Rückkehr:

Rückkehr der Idealisten

Der französische Journalist Olivier Guez über die Juden in Deutschland nach 1945.

Um sechs Uhr abends erschien eine dritte Extra-Ausgabe, die in ganz Wien Aufsehen und mit Galgenhumor gemischte Heiterkeit hervorrief. Die Nachricht lautete: Ankunft des ersten Juden in Wien. Wie wir mitteilen können, ist soeben der erste Jude aus dem Exil nach Wien zurückgekehrt… Fanfarenklänge, Trompetentöne, der Bürgermeister von Wien, Herr Karl Maria Laberl, betrat den Balkon, streckte segnend seine Arme aus und hielt eine zündende Ansprache, die mit den Worten begann: 'Mein lieber Jude!'"

So stellte sich in der Fantasie des Wiener Schriftstellers Hugo Bettauer die Heimkehr der ehemals Unerwünschten dar. Er beschrieb sie noch vor deren Vertreibung in seinem 1922 erschienenen "Roman von übermorgen", "Die Stadt ohne Juden". In der Realität blieb ein solches Happy End, die feierliche und offizielle Rückholung der emigrierten Juden, aus. Mancher Bürgermeister rief in der Tat "seine" Juden zurück. Das bekannteste Beispiel war Walter Kolb in Frankfurt, doch auch einige kleinere Städte starteten eine ähnlich Initiative. Diese Aufforderungen zeugten oft mehr von Selbstmitleid als vom Verständnis für die Vertriebenen….