Shalit und die israelische Öffentlichkeit

25.10.2011                      27.Tischrei. 5772

Moralischer Diskurs:

Shalit und die israelische Öffentlichkeit

Das Abkommen zur Befreiung von Gilad Shalit ist die schwerste Reifeprüfung, die die israelische Gesellschaft zurzeit zu bestehen hat, schwerer noch als die Zeltproteste. Für beide gibt es noch keine Abschlussnote, doch sie deuten auf einen tiefergehenden Prozess des israelischen Erwachsenwerdens hin.

In der Mäßigung und Gewandtheit des zivilen Protestes, in dem emotionalen Mut, den die Zustimmung zum Shalit-Abkommen beinhaltet, hat sich Israel nicht nur als die am besten geführte unter den Nationen präsentiert sondern auch als eine der am besten abwägenden und vernünftigsten. Auf jeden Sprayer der “Preisschild-Aktionen” und Moscheen-Anzünder kommen Tausende Menschen, die demokratisch denken und Demokratie praktizieren. Die israelische Regierung steht heute vor einer meinungsstarken, vielstimmigen Öffentlichkeit, die sich auszudrücken weiß. Unabhängig von ihrer Meinung zu den umstrittenen Fragen sind die Israelis heute die aktivste und kommunikativste Zivilgesellschaft der Welt.
Selbstverständlich weckt die Shalit-Affäre nach beiden Seiten starke Emotionen. Doch gerade die rationalen Aspekte des Diskurses sind es, die so spannend sind. Sowohl die Unterstützer als auch die Gegner der Freilassung Tausend verurteilter Terroristen für einen einzigen Soldaten haben gewichtige Argumente. Im Schatten des Sturms der Gefühle, der teilweise auch von Instinkten geleitet wird, wird ein echter, tiefgreifender moralischer Diskurs geführt. Wie es bei solchen Diskursen in der Ideengeschichte der Fall ist, sagen beide Seiten auch sensible Dinge. Hillel und Schamai, Emanuel Kant und John Stuart Mill würden in diese Grundsatzdiskussion hervorragend hineinpassen….