Vernunft und Toleranz sind gefragt

02.08.2012                      14.Aw. 5772

Beschneidungsdebatte:

Vernunft und Toleranz sind gefragt

Vor 60 Jahren wurde ich beschnitten. Ich war acht Tage alt, der Mohel reiste im Winter von ich-weiß-nicht-wo nach Ravensburg an. Die Prozedur war vielleicht nicht besonders gesund; meine Mutter berichtet, dass der Kinderarzt mir Penicillin verschreiben musste. Ob das übertrieben war – wie mein Onkel mir später zu verstehen gab – , lässt sich schwer beurteilen. Jedenfalls habe ich danach gut gelebt, als Jude in Deutschland.

Plötzlich geschieht aber etwas, was ich zu meinen Lebzeiten nicht mehr für möglich gehalten hätte. Die Beschneidung steht im Mittelpunkt einer öffentlichen Diskussion. Es geht dabei um die uneingeschränkte Wohlfahrt aller Menschen: Juristen wollen eine unwiderrufliche Körperverletzung vermeiden, Professoren der Psychosomatik und die Gilde der Psychotherapeuten wollen schwere seelische Traumata  verhindern, und in den Leserbriefforen der Zeitungen spenden gebildete, differenzierte Menschen diesem Kölner Urteil im Namen der Vernunft Beifall: Beschneidung passt nun einmal wirklich nicht mehr in unsere aufgeklärte Gesellschaft und moderne Welt….