Wann ist oder wird Israelkritik antisemitisch?

07.10.2011                      09.Tischrei. 5772                      Erew Jom Kippur

Überblick:

Wann ist oder wird Israelkritik antisemitisch?

Israelkritik – ein Tabu? Zur Popularität eines Reizwortes.

„Darf man in Deutschland Israel kritisieren?“ Diese unschuldig klingende Frage ist alles andere als harmlos. Sie unterstellt, die kritische Auseinandersetzung mit der Politik Israels unterliege einem Denkverbot – „wegen der Vergangenheit“, wie gerne nachgeschoben wird. Zumal „die Deutschen“ geradezu eine „Freundespflicht gegenüber Israel“ empfänden. Eine „mächtige Israellobby“, so heißt es, stelle jegliche Kritik an Israel unter einen antisemitischen Generalverdacht. Warum sich dieses Tabu so hartnäckig halten soll, führen die einen auf das angeblich schlechte Gewissen der Deutschen zurück; andere prangern eine „zionistisch“ beherrschte Medienöffentlichkeit an. „Israelkritik“ wird in diesem Narrativ zu einem Akt der Zivilcourage. Mutige Israelkritiker rufen, „vor Kühnheit zitternd“ (frei nach Martin Walser) dazu auf: „Es muss doch in diesem Lande wieder möglich sein …!“
Wer sich die Berichterstattung und Meinungsbilder über Israel in den letzten 60 Jahren genauer anschaut, stellt allerdings fest: In Deutschland war es noch nie ein „Tabu“, Israel und die israelische Regierung zu kritisieren. Stattdessen erregt bis heute kein anderes außenpolitisches Thema so sehr die Gemüter wie die Kritik an Staat und Gesellschaft Israels. Die Vorgänge um jene Gaza-Flotille, die im Frühjahr 2010 die israelische Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen suchte, ist dafür ein Paradebeispiel: Niemand war in den ersten Tagen der gewaltsamen Zusammenstöße zwischen „Friedensaktivisten“ und einem israelischen Marinekommando über die tatsächlichen Umstände im Bilde – auch Medien und „Nahostexperten“ wussten nichts, aber alles besser; reflexartig verurteilten sie Israel. In wochenlanger Kleinarbeit sind dann Fakten und Hintergründe zutage getreten – Einzelheiten einer türkisch-islamistisch gesteuerten Aktion zur Delegitimierung Israels, aber auch Details zu den operativen Fehlern der Eingreiftruppe, die glaubte, es mit idealistischen Friedensaktivisten zu tun zu haben. Haften bleibt im Alltagsbewusstsein das Bild des hässlichen Israelis….