Wen stört christliche Chronosemantik? Notizen aus der globalen Provinz der BBC

11.10.2011                      13.Tischrei. 5772

Zeitrechnung:

Wen stört christliche Chronosemantik? Notizen aus der globalen Provinz der BBC

In letzter Zeit wurde Mary Beards TLS-Blog hier ein wenig vernachlässigt. Einer ihrer jüngsten Einträge bietet – neben dem neuen Webdesign – Grund, das zu ändern. MB berichtet von Vorwürfen an die ehrwürdige BBC, eine kleine chronosemantische Kulturrevolution vollzogen zu haben: Statt der alten Bezeichnung BC (Before Christ) und AD (Anno Domini = the year of Our Lord) werde nunmehr BCE (Before Common Era) bzw. CE (Common Era) verwendet.
Ältere Leser deutscher Zunge werden sich erinnern: Bücher über frühe Epochen aus der DDR waren auf den ersten Blick an einem „v. u. Z." zu erkennen. Im Lexikon der Antike (letzte Auflage Leipzig 1990) ist unter dem Stichwort „Zeitrechnung" zu lesen: Während die Mohammedaner vom Jahre 622 u. Z. (Jahr der Hedschra) an datieren, ist für uns die Z. der röm. Christen von Bedeutung geworden, die auf Anregung des Abtes Dionysius Exiguus »Christi Geburt« zum Ausgangspunkt der Jahreszählung nahmen. Diese Form bürgerte sich langsam ein, bis sie sich seit etwa 800 (die Inschrift auf dem Grabmal Karls d. Gr. besagt, er sei im Jahre 814 nach Christus gestorben) durchsetzen konnte, endgültig aber erst seit dem 10. Jh. – Der Gebrauch der christl. Z. für die Zeit vor Christi Geburt stammt von dem französ. Chronologen, Philologen und kathol. Theologen D. Petavius (1583-1652). Mit der Anerkennung dieser Zählung seit dem 18. Jh. war eine einheitl. Z. für die gesamte Weltgeschichte gewonnen. Heute wird die christl. Jahreszählung von den meisten Völkern und Staaten unabhängig von ihrem religiösen Glauben angewandt. Deshalb setzt sich die Bezeichnung »unsere Zeitrechnung« (u. Z.) immer mehr durch."…